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How long is now

D 2020,Video und Super8 auf Video, 84 min, OmE, Regie Michael Busch

mit Boris Groys, Herta Müller, Helga Nowotny, Hila Peleg, Bernd Scherer, Birgit Schneider, David Scott, Wole Soyinka, John Tresch, Mushon Zer-Aviv und anderen

 

Laokoon im Spinnennetz

Der Mensch im Netz, ein Bild das paradigmatisch ist für die gesamte Arbeit: Laokoon, der Warner vor dem Trojanischen Pferd, als Skulptur wird er von der Schlange bereits eingeschnürt, die Schlange verbindet ihn mit seinen Söhnen, zusammen bilden sie ein Ensemble der Ohnmacht. Der Warner vor dem vergifteten Geschenk der Zukunft wiederholt, was die Büchse der Pandora über die Menschheit gebracht hat. Die Zukunft, die aus dieser Gegenwart heraus weist, birgt Gefahren und Hoffnungen gleichermaßen.

Das Spinnennetz tritt in HOW LONG IS NOW in vielfältiger Natur in Erscheinung. Es ist das imperiale Schienennetz, das den Kolonialismus verbreitet, es sind die Datenkabel, die zwischen den Kontinenten im Meer liegen, es sind die Algorithmen, die Handel und Börse dominieren, es ist das GPS System, die Gesichtserkennungssoftware, die verzerrten Landkarten der Welt.

Der Mensch darin ringt mit seiner Sterblichkeit, ringt mit der Sprache, den Begrifflichkeiten, die das Denken und Handeln formen, ringt mit der Moral und ringt mit seiner Erweiterung in der Technosphäre.

Der Film bedient sich dabei schamlos aus dem Bilderreservoir des Zwanzigsten Jahrhunderts, zitiert beiläufig die Geschichte des bewegten Bildes, und die Geschichte seiner fortschreitenden Virtualisierung.

Die Bildebene schmiegt sich manchmal nahe an das gesprochene Narrativ der Vorträge an, dann wieder erweitert sie den Diskursraum, fügt Assoziationen und Situationen dazu, vernetzt sich selbst mit dem Erbe der erweiterten Gegenwart.

Vier Jahre lang habe ich die Veranstaltungen zu 100 Jahre Gegenwart verfolgt und mehrere Kinotrailer gestaltet, die Programme zu bewerben. Die Filme sind als kurze 30 sekündige Experimentalfilme angelegt, die einen stream of consciousness über die Themenkomplexe schaffen.

Mit dem visuellen Archiv, das dabei entstand und mit der Möglichkeit, das Archiv des HKWs zu benutzen, ergab sich die Idee, eine lange, abendfüllende Arbeit daraus zu entwickeln.

Ich wollte einen Möglichkeitsraums schaffen, in dem Fragen an unsere Gegenwart artikuliert werden können, jenseits der schnell herbei gegoogelten Antworten.

Michael Busch