Blaupausen / Kopien

1. Bewegung ins Unsichtbare
Dezember 1895: Die Gebrüder Lumière haben ihren Kinematografen der Öffentlichkeit präsentiert und der deutsche Physiker Wilhelm Konrad Röntgen macht seine erste Röntgenaufnahme: Die Knochen der Hand seiner Frau. Mediziner und Okkultisten sind begeistert.
Zeitgleich wird das statische Bild, das Stilleben, die Fotografie in die Bewegung geschleudert und ins vorher Unsichtbare. Beide Techniken sind im darauffolgenden Jahr die Akttraktionen auf den Jahrmärkten.

2. Die Wassernixe
Oderbruch Sommer 1997: Der Überschwemmungssommer im Fernsehen. Ein Mann watet durch seine Wohnung, eine angereiste Tauchsportgruppe will versuchen, den Deich auf der Wasserseite durch Netze zu stabilisieren, ich zappe ein Programm weiter, dort beginnt gerade ein Unterwassserfilm der trashigen Sorte, eine barbusige Wassernixe umarmt einen Taucher, küsst ihn, greift dabei nach seinem Messer und erdolcht ihn. Das Wasser färbt sich rot, ich zappe zurück zum Katastrofenbericht, die Taucher versinken gerade in den braunen Fluten der Oder, ein diffuses Bild, man sieht nicht eine Handbreit vor der Tauchermaske, mit dem Deich wird auch die Realität langsam brüchig.
„Kunst braucht Diffusion“, behauptete einst Heiner Müller. Je ungenauer die Bilder in der Beschreibung seien, desto räumlicher werden sie. Nach dem Motto „Wenn man weniger sieht, beschreibt man mehr“ verschiebt sich die Lesbarkeit eines Bildes vom Sichtbaren ins Unsichtbare.
Ein Röntgenbild braucht einen Spezialisten, der es lesen kann.
Mystik leitet sich vom griechischen „myein“: die Augen schließen, her. Eine bestimmte Art Mystik entsteht also beim allabendlichen Zappen durch die Fernsehprogrammkanäle, nämlich beim kurzen Wechsel zwischen den Sendern. Die Momente, in denen das Nichtbild auftaucht werden ähnlich wie das Blinzeln der Augen nicht bewußt als Schwarzbild wahrgenommen. Die Bildeindrücke brennen auf der Netzhaut fest, glühen nach und verschleifen die voneinander getrennten Bilder.
In der antiken Sehtheorie ist das Auge immer Sender, es strahlt aus dem Inneren des Schädels seine Botschaften nach draussen. Ich stelle mir vor, daß die Momente, in denen kein Bild auf die Netzhaut fällt, die Augenblicke sind, in denen der Sender aktiv werden kann.
Somit sind die Leerstellen zwischen den Bildern nützlich, die Pausen, die Übergänge zwischen den Bildern. Genau diese Pausen einzudämmen, sie zu verringern, bis das Auge durch den Nachzieheffekt soweit betrogen ist, und an Stelle von einzeln projizierten Bildern eine Bewegung auszumachen glaubt, das war das Anliegen der Lumières.
Der Nachzieheffekt auf der Netzhaut macht Bewegung erst möglch.
Die Essenz der neuen Techniken ist ein schwarzes Loch, das den Blick anzieht, das man nur erkennt am Vorhandensein der Bilder drum herum.
Um das Tao Te King herbeizuzitieren: Nicht die Bilder per se sind nützlich, sondern die Lücke, das Loch zwischen ihnen, die Leerstelle, der Entfaltungsspielraum der Einbildung.
Hat das Auswirkungen auf die Bilder selbst? Bezieht sich ihre Lesbarkeit nicht nur auf ihre Schärfe und Detailgenauigkeit, nicht auf ihre direkte Bildaussage, sondern auf ihre Ladung, den nichtbildhaften Anteil an ihnen?
Das mag den Tauchsportclub am Oderbruch beruhigen, der eingetaucht in die braune Brühe, ins Undurchdringliche, in Gedanken bei der Umarmung der Nixe, seine Netze auszulegen versucht.

3. Are You Serios?
Chicago 1967: TED SERIOS ist ein fast ein Paradebeispiel für die antike Sehtheorie. Er trinkt Whisky, sitzt mit nacktem Oberkörper schwitzend da, verlangt lallend nach der Kamera, und wieder wird die Polaroidkamera auf sein Gesicht gerichtet, er gibt das Zeichen, stöhnt auf, der Auslöser wird betätigt, die Optik der Kamera ist auf unendlich gestellt, ein weiteres unscharfes Selbstportrait entsteht.
Manchmal gelingt der Versuch. Auf dem Polaroid ist dann nicht das Gesicht von TED SERIOS abgebildet sondern vielmehr das, woran er gerade gedacht hat, worauf er sich gerade konzentriert hat, ein „Thoughtograf“. An Stelle des Gesichts tritt dann der unmittelbar abgebildete Gedanke oder Wunsch. Das Selbstportrait dringt dann hinter das Gesicht, ersetzt die Interpretation des Gesichtsausdrucks durch ein tatsächliches Bild.
Im Grunde hat TED SERIOS eine unendliche Anzahl von Selbstportraits produziert.
Er „thoughtografiert“ im Laufe verschiedener Experimente Hunderte von Bildern von Gebäuden, Personen, Landschaften, Raketen, Omnibussen und Rennwägen.
Die Quelle der Bilder scheint immer etwas zu sein, was Serios in der Natur oder auf Fotografien gesehen hat. Häufig reproduziert Serios bereits existierende Fotografien.
Bestimmte Zielbilder, auf die er sich konzentriert, gelingen nur manchmal, meist scheint er keinen bewußten Einfluß auf die Motive zu haben. Als er aufgefordert wird, ein Bild des Triumphbogens in Paris zu produzieren, kommt das Bild eines Autos der Marke Triumph heraus, das ihn weit mehr interessiert.
Ted Serios benutzte für seine Fotos meistens eine Polaroidkamera, die praktischerweise sofort das Ergebnis zeigt. Manipulationen in der Dunkelkanmmer können nicht stattfinden. Das Foto als objektives Medium hat damit endgültig die Seiten gewechselt. In den Händen von Ted Serios beweist es die Unmöglichkeit seiner Beweiskraft. Die Geschichte der THOUGHOGRAPHS reflektiert vor allem die Geschichte der Medien: Der Idealfall der Bildproduktion, die direkt aus dem Hirn aufs Foto gebannte Idee.
Die Fotografie überholt als Medium ihre eigene Technik. Serios braucht kein Objektiv, kein Licht, keine Entwicklersubstanzen, um seine Fotos zu erzeugen.
Der technische Apparat, der zur Übermittlung der Botschaften gebraucht wird, verschwindet hinter dem Phänomen der „reinen“ Botschaft. Die Botschaft belichtet, entwickelt und sendet sich selbst.

4.Kindheit
Ich trete an den strahlend weiß gestrichenen Zaun des Grundstücks, das zu dem Haus gehört, in dem ich meine Kindheit verbracht habe. Der Zaun ist niedrig, die Farbe in meiner Erinnerung viel mehr abgeblättert, das selbe alte Holz frisch gestrichen in der Zwischenzeit oder ein neuer Zaun. Ich höre Kindergeräusche, beuge mich neugierig über den Zaun am Hoftor, eine Erinnerung überfällt mich aus heiterem Himmel, wie ich damals als Kind mit meinen Geschwistern mit dem roten Tretauto im Hof spiele, als ein fremder Mann über das damals noch große Hoftor starrt, daß wir einen Schreck bekommen und nach unserer Mutter rufen, die aus dem Glasvorbau des Hauses tritt und zum Hoftor geht und dem Fremden seltsam lange nachblickt, der bei unserem Rufen schnell weitergegangen ist. Jetzt blicke ich über den Zaun in den Hof, in dem zwei Kinder auf dem Boden spielen und mich fragend mustern und als ich sehe, daß sie erschrecken, gehe ich schnell, bevor sie nach ihrer Mutter rufen können.

5. Blaupausen
Blaupausen, die Vorläufer von Kopien, und Tafelbilder haben meinen Schulalltag geprägt: Ich war nicht der Schnellste im Begreifen: Erklärungen an der Tafel, selbst schon Bilder, die mir im Moment des Auswischens klar machen, jetzt hast du was verpasst, um neuen Erklärungen Platz zu machen, ein Palimzest von Bedeutungsebenen, eine écriture des Vergessens. Ausgewischte Nachbilder oder abgezeichnet als Kopie: Dafür sind die Bilder sicher nüztlich: Sie dienen der Beschleunigung des Vergessens.
Während der Blaupausen zwischen den Bildern kann das Auge wieder als Ausstrahler fungieren. Und im besten Fall die Gedanken, Wünsche, Ideen, die durch die Medien vorgekaut und mir vorgesetzt wurden, zurückwerfen und auf Fotopapier oder Film bannen,seriosly .
Um ein Programm zu formulieren: Die Bilder, die durch die Medien in mich hineinstrahlen, längst schon jenseits der Fragen nach Authentizität, Realität und objetiver Wahrheit, die gilt es zu benutzen, zu recyclen und wieder in die Medienwelt zurückzustrahlen.
In diesem Kreislauf ergäbe sich die Möglichkeit, etwas zu verewigen.
In einem seiner Filme erwähnt Chris Marker ein Foto vom Ungarnaufstand, das um die ganze Welt ging. Es zeigt zwei russische Soldaten, die sich über einen toten Ungarn beugen. In Wirklichkeit hat das Opfer, jener berühmte Tote überlebt, und schaut jetzt auf das Foto, das ihn als Toten zeigt. An Stelle eines Toten gibt es einen „Verewigten“, sagt Chris Marker.

6. Nach mir die Sinnflut
Nach semitischer Auffassung – wie auch bei vielen anderen alten Hochkulturen – konnte man durch Bilder sich des Abgebildeten bemächtigen. Bilder waren nicht nur Abbildungen, vielmehr der Abgebildete selbst.
Vielleicht gilt das auch bereits für die Jagdszenen der prähistorischen Höhlenmalereien. Mich haben da immer diese Handumrisse fasziniert, bei denen oft noch ein Fingerglied oder ein ganzer Finger fehlt. Was sollte damit beschworen werden? Es sind die ersten Negativbilder, die ich kenne, Abbilder und Druckvorlagen der eigentlichen Hände, Umrisszeichnugnen, Kopien eines Bildes, dessen eigentlicher Bildinhalt wieder einmal durch seine Aussparung sichtbar wird.
Das Bilderverbot in den verschiedenen Religionen sollte Gott jedenfalls nicht der Gefahr aussetzen, zum Voodoo Opfer zu werden. Sicher spielt auch eine Rolle, daß der Mensch laut Bibel ja ein „Ebenbild“ Gottes darstellt, das heißt, er ist eine duchaus gelungene Kopie des Schöpfers, ein Replikant, ein Bild. Wie sollte eine Kopie ihrerseits Bilder des Originals hervorbringen?
Mit der Erkenntnis der Gefährlichkeit von Bildern für die Einbildungskraft gelangt man sofort in die Sphäre der Symbole, Bilder, deren Gehalt vereinfacht, zusammengefasst, interpretierbar wird. Symbole sind harmloser als Bilder.
Es gibt sie in allen Religionen und Wissenschaften zu hauf, auch in der Kunst, deren Bildraum eigentlich ja unbegrenzt, uneingeschräkt, unendlich weit gesteckt sein sollte. Man hat mir beigebracht, Kunst ist immer nutzlos. Kunst entsteht immer um das nutzlose herum. Nutzlose Bilder gehören sofort in die Sphäre der Kunst. Wenn ein Röntgenbild von seinem ungeschulten Betrachter nicht entschlüsselbar ist, wird es Teil der Kunst- Welt. Die Leerstelle, das Ausgesparte, ist das die Kunst- Welt?
Im erweiterten Kunstbegrif wird auch das Nützliche aneignet, recyclet, klischieret, widergekäut und wieder in den Bilderkreislauf zurückgegeben.
Das „Wesen“, der „Gehalt“ eines Bildes ist nicht identisch mit seiner Nützlichkeit. Das schöne althochdeutsche Wort „Bilidi“ für: „magisches, geistiges Wesen“ hat sich im Sprachgebrauch aufgelöst.

7. Oder
Das Wort „oder“ impliziert ja Variationsmöglichkeiten. Um beim Bild der Oder zu bleiben, drohen die trüben Fluten des Variationsreichtums den Damm der einen Sicherheit, festen Boden unter den Füßen zu haben, zu unterspülen, ihn gar einzureissen. So wie der Tauchsportclub gegen diese trüben Fluten angeht, geht die Religionsphilosophie der Gnosis gegen „maya“, die Welt der Bilder an: Man muß sich ihr stellen, vollständig in sie eintauchen und sie durchschauen lernen.
In der „Lehre von der Erkenntnis“ gibt es eine fundamentale Trennung zwischen dem göttlichen Lebensfeld, der Sicherheit des sog. „Statischen“ und dem menschlichen Lebensraum, der als eine Art improvisierte Notordnung dargestellt wird. Die Trennung geht so weit, daß die Gnostiker zwischen Gott und dem Schöpfer dieser Welt unterscheiden. Der Schöpfer hat bereits mit der Materie zu tun und muß von ihr infiziert sein. Die Gnostiker entwickelten fantastische Systeme von Hierarchien kompliziertester Art, um die fundamentale Trennung aufzuzeigen.
Die Gnosis vertritt den Glauben, daß sich in jedem Detail der Gesamtzusammenhang abzeichnet. Begriffe wie Mikrokosmos und Makrokosmos beschreiben sowohl die Betätigungsfelder wissenschaftlicher Bildproduktion im Bereich des Unsichtbaren, sind andererseits philosofische Begriffe, die in den gnostisch angehauchten Lehren immer wieder herbeibemüht werden.
Irgendwo in der mikrokosmischen Atomstruktur, im nicht Fassbaren, ist laut Gnosis im Menschen ein Rest der göttlichen Ordnung vorhanden. Diesen Rest zu finden und zu kultivieren eröffnet die Möglichkeit, die Welt der Bilder zu überwinden und „heim“ zu gelangen.
Die Methode der Gnosis ist dabei auch die der Analyse. Das Grundprinzip der menschlichen Notordnung ist der Dualismus: solange sich zu jedem Ding, Bild, Gedanken noch das Gegenteil, eine Variation sich vorstellen läßt, solange kann nicht vom eigentlich Wichtigen gesprochen werden: Alles vom Menschen erdenkbare, von Heissenbergs Unschärferelation angefangen bis zu den Netzen der Taucher am Oderbruch verweisen auf den Menschen und nicht auf das Eigentliche zurück.
Somit wären Bilder, jede Art von Bildern, Sinnbilder für das Gottlose, das nicht Eigentliche.
Der erste Schritt zur Besserung ist demnach auch das Analysieren des dualistischen Prinzips im täglichen Leben, den Bildern zu mißtrauen, um sich irgendwann an das Absolute, Bildlose heranzutasten. Solange man sich noch ein Bild machen kann, ist man noch nicht auf dem Boden der Erkenntnis angekommen.
Der Feierabend-Zapper schließt die Augen. Nachdem er alle Zwiebelschalen der Realität durchdrungen hat, endet er im Kern, im Nichts, zwischen zwei Fernsehkanälen. Beim Blinzeln. Dem übersehehen Schwarzbild.
In der Oder, eine Hand breit vor der Tauchermaske, im Gedanken an die Umarmung der Nixe. Man muß loslassen lernen.

Text: Blaupauen /Kopien
Kurzfilmtage Obernhausen 1999, Symposium “ Nützliche Bilder“