Berlinaleblock

Berlinale 2015.1
Freizeit macht Arbeit, Lachen will gelernt sein und die Selbstoptimierungsversuche in Gruppen sind ein Spiegel unserer Zeit, etwas schlicht daherkommende Botschaft, als Gegenentwurf Farocki´scher Arbeitsmoral durchaus diskutierbar. Jedenfalls wird da viel gearbeitet, an der eigenen Baustelle.
Dann rennen die Tage davon wie das Leben, das langsam farbig geschminkt wird. So wird das kleine schwarzweiße Kind Elise sich in unser Gedächtnis eingraben, und die alte Frau am Tisch, die vom Sterben und vom Tod berichtet, was hätte er nicht noch alles erreichen können, so wird ein persönliches Kapitel, die Oma und die Mutter vor laufender Kamera, zu einem bürgerlichen Trauerspiel, und in seiner Sprachvielfalt schwer verortbar zwischen Deutschland und Polen und einer sommersprossigen Engländerin. Ein Kosmos, der über sich selbst hinauswächst, gefilmt mit einer DV Kamera, um gleich raus zu sein aus dem 2k und 4k Wahnsinn.

Berlinale 2015.2
Warum schwitzt Nicole nicht? Warum wird erst vom Wind verwehten Sand weggeschnitten, wenn ein Rollstrauch vorbeigerollert kommt? Warum sind die Suks so aufgeräumt? Die Paläste von Damaskus, Kairo, Bagdad so golden durchwirkt? Die Landschaft so bombastisch, wie sie heute zerbombt ist? Hinter dem Bilderkitsch liegt eine zertrümmerte Welt, eine Wiege der Kultur, auch davon erzählt Herzog. Liebesgeschichten als mühsam kaschierte Staffage fürs Filmen von Landschaften, die Wüste von Kara Ben Nemsi als deutsche Einbildung, Werner Herzog bleibt sich treu. Die Natur als Spiegel der Seele in Kitschmusik ertränkt, ein Biopic verloren im Sandsturm.
Die Frau unter Strom, mit zusammengebissenen Lippen, unentspannt wie Charlotte Gainsbourg, Geld wird gezählt, wechselt den Besitzer, sie wird ihrem Vater Geld zustecken, bevor sie ihn am Ende an die Polizist verrät, sie verrät viele in diesem Film, sie klaut, übernachtet im Textillager, überhaupt die Textilfabrik. Bügeln, Nähmaschine, die Arbeit wird gemacht, nicht nur angedeutet. Wege werden zurückgelegt wie bei Rosetta, schwebend hinter der jungen Darstellerin her, in der Teleoptik wird die Welt unscharf, der Ort zerfließt, die Sehnsucht nach einem richtigen Vater nimmt zu. Die gebrochene Heldin darf einmal die Zähne blecken, zu einem entspannten Grinsen ansetzen, als eine junge Kollegin aus dem Waisenhaus ihr ein paar Tanzbewegungen vorführt. Ansonsten sind da Autos und Handys als Protagonisten.
Zurich brennt, aber es ist ein Ort in den Niederlanden? Das Brennen ist der Tod des Mannes, der sie längst schon verlassen hat, mehrmaliger Verlust, auch der geliebte Hund wird überfahren, wie die Erinnerung, überall der Ex Ehemann als Verlust, als Fehler in der Welt. Hier sind die Laster Monster, die man mühsam nur mit Countrymusik bändigen kann. Und hinter dem Verlust die Trauer, übermächtiges Gebilde, das sich ins Gesicht der Musikerin eingräbt, ihre erste Filmrolle, sie hat keine „References“, sagt sie, Referenzsysteme, wie man schauspielert und das macht den Film doppelt desolat, der nur an einer etwas zu schlauen, gebrochenen Narration krankt. Und wenn man einem Soundtrack zwischen Country und Chor nichts abgewinnen kann. Ist ein sehr musikalischer Trauerfilm.
Benidorm im Winter, Hochhausburgen der Zukunft, auf 16mm gedreht,  die fast quadratische Zukunft aus der Vergangenheit des Kinos, spanische Verheissungen, leer im Winter, ausgeträumt, die Androiden werden gejagt, immer wieder wird mal jemand erschossen. Aber viele posieren in ihren Wohnungen, Der Blade Runner ist viel „androidiker“ als die menschelnden Androiden. Er kauft sich das Schaf, das er sich erträumte, Philip K Dicks Story als Matrize eines ausgeträumten, spanischen Sozialtraums, ein Trauma das sich in die desolate Architektur verflüchtigt hat, der Film ein grosser, kluger Spass, und natürlich ist es super, wenn immer mal wieder paar Leute abgeknallt werden, junge Väter, Mütter mit Kind. Wozu haben wir denn das Kino?

 

Berlinale 2015.3

Adi kennt seinen älteren Bruder nicht. Dem wurde nicht der Kopf abgehackt, nein, dem wurde eine Machete in den Bauch gesteckt, die Klinge nach oben gezogen, seine Eingeweide quellen heraus, ein weiterer Stich von hinten durch ihn durch, aber er lebt noch,  kann vom Flussufer, an dem das Massaker stattfindet, fliehen, kriecht nach Hause, dort holen ihn die Todesschwadronen ab, bringen ihn angeblich ins Krankenhaus, dann schneiden die ihm von hinten den Penis ab, jetzt stirbt er endlich qualvoll und blutig. Adi sitzt seinen Mördern gegenüber, misst ihre Sehstärke, sie sollen Brillen bekommen. (Was sollen sie erkennen? Was sollen sie ein-sehen? Joshua Oppenheimer meint dazu, „as a non fiction filmmaker you grow metaphores“, er pflanzt sie an und begiesst sie, metaphorisch gesprochen)  und fragt sie dabei aus. Kein Zeichen von Reue, eher Drohungen, das Gespräch soll nicht politisch werden, war die Bedingung. Der alte Vater ist über 100 und nur noch Skelett, sagt, er sei siebzehn und singt zahnlos schmachtende Liebeslieder. „Einmal hab ich den abgeschlagenen Kopf einer Frau dem Chinesen auf den Tisch gestellt, um ihm Angst zu machen. Dann hab ich den Kopf in den Müll geworfen.“ Solche Sätze fallen, haufenweise Grausamkeiten, wie sie in Act Of Killing reenacted werden, hier schwelen sie mit, in den Gesprächen mit den Killern. Oder: Bali ist viel schöner ohne Kommunisten. Und das Schweigen wird aufgenommen, die Kamera schwenkt hin und zurück, ein Dialog des Schweigens, das Nichts daran ist wichtig, das Ausgelassene, das Herzog´sche Mysterium, das wir bei Nicole vermisst haben. Unausgesprochen klebt das Grauen in den Blickwechseln, und die amerikanische Firma Good Year holt sich 20 Jahre nach Auschwitz Birkenau Arbeitssklaven aus dem KZ, wenn die nicht mehr können, werden sie von den Todesschwadronen abgeholt und ersetzt. Kommunisten gibt es scheinbar genug.

Mein Sitznachbar wird schon leicht panisch, am Filmanfang von Flotel Europa, der einen guten alten VHS BANDSALAT präsentiert. Mühsam soll es sein, bis das Bild sich stabilisiert, das Containerschiff in Kopenhagen die neue, schwankende Heimat wird. Zu herrlichen VHS Aufnahmen, die das Leben auf dem Asylantenschiff dokumentieren, gerät eine Liebesgeschichte des Filmemachers als Teenager zum vergnüglichen Flüchtlingsdrama aus dem Bosnienkrieg 1994, samt Gruppenonanie in der Sportumkleide, mit dem Handtuch über dem Kopf, den Folkloretänzen, den ersten Zigaretten. Einer seiner erwachsenen Freunde hat einen Einberufungsbescheid sowohl von der serbischen, als von der bosnischen Armee bekommen, flieht daraufhin, weil er nicht gegen sich selbst kämpfen will. Es wird wild schwadroniert, die VHS Aufnahmen wurden damals in die Heimat zu den Vätern geschickt, ein intimer Schatz an Bildern ist so entstanden. In den engen Schiffskabinen ohne Bullaugen sind nicht nur ganze Familien untergebracht, da spielen ganze Bands auf mit Kontrabass und laut schmetterndem Gesang. Dazu schwankt das Flotel Europa dem moralischen Abgrund entgegen.

Berlinale 2015.4

Nachmittags im Colloseum, der Regisseur Brett Morgan kauert sich an die Wand, wartet darauf, nach vorne gerufen zu werden, um sagen zu können, dass sein Film sehr, sehr laut ist. Leider vergisst ihn die Moderatorin zunächst und erst ein eiligst herbeisprintender Mitarbeiter klärt die Situation. Der sehr laute Film beginnt dann als Nirvana Fan Film, ich döse schon behaglich weg bei der angenehm lauten Riecht-Nach-Teenie-Geist-Musik, dann kommt aber Courtney Love ins Spiel und private Videoaufnahmen der beiden mit ihrem Baby und plötzlich schwemmt die ganze Pressehetzjagd auf das junge Junkie Paar an, der Verfolgungswahn, der sich daraus ergibt, und dann plötzlich macht es Sinn, dass Kurt Cobains Tagebucheinträge und Songtexte animiert werden, zu leben beginnen, und das ist sehr sorgfältig gemacht, wie die handgeschriebenen Notizen sich selbst durchstreichen, oder zum mitlesen eingefärbt werden. Das sieht charmanter aus als bei den Monitor Beiträgen im Fernsehen, und tatsächlich werde ich Zeuge beim delirierenden Verfassen von Songtexten. Ich bin großer Hölderlin Fan und verehre die Frankfurter Ausgaben seiner Hymnen, mit all den Streichungen, Fassungen, Palimpzestestartigen Überlagerungen von Textschichten, und hier geht es mir ähnlich, zwei Wahnsinnige, die zwischen Ideal und Realität untergehen, und ich kann nur hoffen, dass auch Hölderlin so gut aussah wie Kurt Cobain. mit seiner Linkshänder Gitarre und einer Inbrunst in der Stimme, die peinlich ist und ekstatisch und er singt sich wirklich die Seele aus dem Leib bei der legendären MTV unplugged Session. Mit All Apologies an den hinkenden Vergleich mit dem arkadischen Hymnendichter renne ich aus dem Kino nehme ein wenig Sex , viele Drugs, viel Baby und viel RocknRoll mit nach draussen.
Wir waren vor paar Jahren im Herbst in New York und einer der Muss Ausflüge führt da immer raus nach Coney Island, vorbei an den russischen Hochhäusern ins unbehauste, desolate, melancholiesprühende Vergnügungsviertel. Immer gehört ein Besuch bei Nathans Hot Dog Laden dazu und die Mülltonnen, bei denen die Plastiktüten zu einem Heissluftballon nach oben geweht werden, werden wie immer gefilmt, für die Kinder, weil das so lustig aussieht. Genau das passiert auch in Jem Cohens Film Counting, ohne dass es mich sonderlich erstaunt. So ähnlich, wie Cohen die Welt filmt, sehe ich sie auch, banal, aus Momenten zusammengesetzt, die man irgendwie einfangen will, nur selten gelingt es tatsächlich, aber der flanierende Blick, die antrainierte, größtmögliche Offenheit, der Zen Blick sozusagen, das wirkt sehr vertraut. Der Verweis auf seinen verstorbenen Mentor Chris Marker  darf nicht fehlen, ihm ist nicht nur das Schlusskapitel der fünfzehn Bildergedichte gewidmet, der ganze Ansatz atmet Markers Neugierde, auch die Furcht vor zu grosser Nähe zu dem Gefilmten, der traurige Abstand, den er immer wahrt, weil man sich nicht rantraut, an die Leben der Einzelnen vor der Kamera. So entsteht Zufall, Traurigkeit, Momente des Glücks, und man sitzt am Schneidetisch, umgeben von Material und versucht, es durch die Montage zum Klingen zu bringen. Dem Klang der Bilder, ihrer Resonanz im Auge, im Hirn nachzuspüren, selbstvergessen fast, aber der Schlaganfall der Mutter lädt die Fahrt zum Flughafen für Cohen und die Zuschauer auf, die Allgegenwart der NSA Datenschnüffelmaschine findet ebenso ihren Weg in den Film, wie die Tiere, die tun, was sie tun. Neben Malewitschs Schwarzem Quadrat in der Eremitage bauschen sich rechts und links barocke Vorhänge vor den Fenstern, ein tolles Blld, das unversöhnliche Gegensätze vereint.
Die Müdigkeit wächst, unter den elektrischen Wolken von Alexey German im Berlinale Palast wird sie übermächtig. Ich schlafe, träume, wenn ich kurz die Augen öffne, höre ich Gorbatschow, der von seinem Amt zurücktritt, sehe ein reiches, russisches Interieur, in dem ein blasierter junger Mann auf dem Boden sitzt. Das Dach sei undicht und warum der Onkel so despektierlich von ihm rede, er hat ihn gerade Trottel genannt. Ein anderer Junge, Marat, wie der Badewannenrevolutionär, mit schmalen Schultern, wird ausgefragt, ob er denn Jude sei, er ist aber lieber Waldelf. Der  Mann sagt, gegen Elfen habe ich nichts. Vorher wird eine Frau am Strand erstochen. Die Kamera fliegt von einem jugendlichem Gesicht zum nächsten in einer genauen Choreografie, die russischen Cinematografie war immer der Hollywoods überlegen, weil sie anders fokussiert. Wieder gnädiger Schlaf, wenn bedeutungsschwere Auswandersätze vorgetragen werden, in den kurzen Wachphasen wirkt das alles hölzern, Schauspieler in Aussen- und  Innenräume gesteckt, die schauspielern, die Charaktere geben. Irgendwo schlummert der Abgrund, aber ich falle ins Loch meiner Müdigkeit.
So geht es weiter.
Bei Erotika Etcetera sitze ich neben einem alten Mann, der laut schnarcht und aufstösst, während auf der Leinwand eine alte Prostituierte von behaarten, griechischen Männern schwelgt, in alle war sie verliebt, und zeigt ihren versehrten Körper vor, die Tumore, die Verletzungen, aber das tut ihrer sehnsuchtsvollen Beschreibung der Seemänner keinen Abbruch. Das ist eine Zumutung an Zärtlichkeit, balanciert durch die gewaltigen Aufnahmen der riesigen Containerschiffe auf hoher See. Der Seemann und die Prostituierten, er wird hinausgespült aus den Häfen aus den Armen der Frauen und kommt wieder in einem anderen Hafen an, die sind alle gleich. Die zierliche, griechische Regisseurin hat ein Seemannspatent erworben, um auf diesen Containerschiffen mitfahren zu können, jahrelang. Die Gewalt der See, die Gischt, angestrahlt von Scheinwerfern, ein Eisbrecher, der die Eiskontinente zerteilt, Reiningungsarbeiten im riesigen, rostigen Schiffsbauch, der leere, gigantische Metallrumpf des Schiffes, rostrot mit Schaum ausgespült, eine männliche, gepresste Stimme als Echo der weiblichen Sehnsucht, kurze Einblicke ins Leben der Besatzung während ihrer endlosen Reisen, die Griechen grillen ganze Lämmer, die Philippinos singen Karaoke, alle tanzen zu Dancing Queen. Spektakuläre Hafeneinfahrten aus Licht und Reflektionen von Licht, dazu das Schnarchen und Schnauben meines Nachbarn. Da befällt auch mich wieder die unwirkliche Müdigkeit und ich wandere dann wie ein Androide durch die künstliche, billige „Tron“ Welt des Potsdamer Platzes und finde die Sperma Leuchtwürmchen an den Bäumen und die Lichterketten eine unerträgliche Zumutung und wünsche mir eine Knarre herbei.

Und dann sitze ich hellwach im Kino, eine ältere Frau steht trotz Schmerzen im Knie zu unmöglicher Zeit morgens auf, um ihrer lebensechten Babypuppe das Fläschchen zu geben. Wenn man so den Sauger dem Baby ins Gesicht drückt, sieht es noch echter aus, dann bewegt sich die Milch in der Flasche und die Reborn Puppe scheint tatsächlich zu trinken, verrät sie in einem Tutorial, das sie für die You Tube Babypuppen Gemeinde aufnimmt. Wir sind mitten in einem Horrorfilm über Schwangerschaft. Ein junges Künstlerpaar ist der zweite Handlungsstrang, sie ist schwanger, man sieht aber auf den Ultraschallaufnahmen keinen Fötus. Jetzt kommt der Meteoritenabsturz in der Nähe von Troja ins Spiel, die Menschen erleiden Hörstürze, ihre Augen werden blutunterlaufen, sie fahren los, laufen durch den Wald und legen sich reihenweise auf einer Lichtung in den Schnee. Andere stehen mit erhobenen Armen am Strassenrand, Glas zersplittert, Schrauben fallen in die Höhe, statt auf den Boden, Kühlschränke lecken, am schönsten ist die Idee, dass Menschen einfach sich an die Wand stellen, in einer Mischung aus Zen Buddhismus Sitzung und Strafaktion in der Schule, da musste man in der Ecke stehen. Aus kleinen Einzelheiten wird ein Horrorfilm Brimborium gezaubert und zu Arvo Pärts Tabula Rasa, zuletzt gehört bei Werner Herzogs Ölquellen Film, driftet ein Pappmaché Götterstatuenkopf durchs Wasser. Mythologie und Reborn Babys in Troja, ich bin begeistert.

 

Berlinale 2015.5

Es ist heiss und staubig in San Antonio. Micah Magee läuft zu Fuß durch die Stadt, niemand geht zu Fuß in San Antonio, alle nehmen das Auto, sie kommt zu dem desolaten Gehege eines Streichelzoos, in dem ein Lama und ein Esel sinnlos kopulieren. Dieser Anblick habe sie auf die Idee zum Titel ihres Films gebracht: Sex, der zu nichts führt. Petting Zoo. Der Streichelzoo kommt in dem Film nicht vor. Schade. Neu war, dass bei der Ultraschalluntersuchung Radiosender als Störsender zu hören sind, ein Selena Gomez Song erklingt, dann ist das Kind auch schon tot, diesmal keine Scheingeburt, sondern ein vorhersehbarer,  von der Hauptdarstellerin ganz gut gespielter Coming Of Age Film,  der bieder bis zum Happy End von der zweiten Chance im Leben träumt. Draussen tropft wieder Leuchtsperma von den Bäumen.

Und dann das libanesische Fotostudio als Archiv von Geschichte und Posen, einer Geschichte auch der Posen, die von einem Bild übernommen werden von den nächsten Kunden. Einige Männer posieren mit dem Pappaufsteller einer blonden Kodak Film Werbe Frau, die nächsten sehen das und wollen auch so ein Foto. Fast sensationell ein paar spärliche Nacktbilder von Frauen und Männern, das Fotostudio als Archiv aber ist eine Parallelwelt zur libanesischen Gesellschaft. Mit dem Aufkommen neuer Medien, werden die Vorangegangen fetischisiert. Und da stehen dann Super 8 Projektoren, Diktiergeräte, Digitalkameras auf der hellgrauen Präsentationsfläche, eine Archäologie der Medien und daher ungeheuer melancholisch, obwohl vielfach als Wissenschaftsfilm gebrochen. Der Film ist langsam, Musik, die durch Patternwiederholung, man kann es auch Loops nennen, entweder Trance hervorruft oder nervtötend ist, Fernsehaufnahmen als Archivmaterial, Topfpflanzen werden ebenso wie Diktiergeräte archiviert und mit dem Blitzen und Blinken der Disko Ligtshow werden der alte Fotoladenbesitzer und der Filmemacher endgültig in Second Life archiviert. Das alles ein langsam, langsam, bedächtiges, mit irren youtube Tanzszenen angereicherteres Stück Kino. Aus der fernen Phalanx der Filme, die mich ein Leben lang begleiten, grüßt dazu das To Sang Fotostudio von Johann Van Der Keuken, das streng komponierte, repetetive Archiv einer Nachbarschaft, die alle zu dem alten Vietnamesen kommen und „Foto maken“.

Eisenstein spricht mit seinem Schwanz, Que Viva Mexiko wird gedreht, ein unvollendetes Mammutwerk, das sehen wir nicht, aber einen erigierten Penis und eine wohl ausgeleuchtete Analpenetration, bei der die Unterhaltung zwischen den beiden Sexualpartnern einfach weitergeht. Liebe, Dekadenz, Mexikanischer Totenkult, Der Tod als guter Freund, verwoben in die Produktionsgeschichte dieses wahnwitzigen Filmunterfangens, mit Ausschnitten aus den anderen Eisensteinfilmen. Sein Oktoberrevolutionsfilm war teurer als die Oktoberrevolution selbst. Und genauer, und besser! Ein Film feiert sich in seiner vergänglichen Avantgarde in opulenten Splitscreens, eleganten Kamerachoreografien, Drei D Schwenks und noch mehr Dekadenz und in einem altertümlichen Charme. Was kann man nicht alles machen. Ein Spiel, das immer wieder an Archivfotos andockt, da verweilt, schaut her, das könnte die Vorgeschichte dieser Aufnahme sein. Und die Mumien grinsen dazu und der taube Glöckner. Peter Greenaway, ganz britischer, versauter Gentlemen, sagt „indeed“ in jedem Satz.

Ich bin wieder in Interstellar. Während unten auf dem Planeten eine Minute vergeht, vergehen oben in der Umlaufbahn Jahre. Nur umgekehrt ist es in dem Zeitreise Film Über die Jahre von Nikolaus Geyrhalter. Hier geht es um die Zeiteinheit Jahr, nicht Minute oder Stunde oder Tag. Schon bei den Anfangstiteln wird man ausgebremst aus der Berlinale Einlasshektik. Eine ungeheure Entschleunigung findet statt, die eigene Zeit, die man im Kino absitzt und die elend langen Schwarzblenden aushält, und eine Reise aus der Gegenwart hinaus in eine andere Zeit, das alles wird miteinander verwoben. Relikte aus der Eisenzeit sind die schweren, grün lackierten Eisenmaschinen der Textilfabrik Anderl, ein marodes, riesiges Gebäude aus fernen Jahrhunderten, in denen Fabriken die Schlösser und Burgen als standortbestimmende Elemente der Landschaft abgelöst haben. Eine Handvoll Menschen arbeitet noch in  den riesigen Hallen, der Konkurs bereits vorbestimmt. Kurze Zeit später sind sie alle arbeitslos und der Filmemacher wird sie in den kommenden zehn Jahren in unregelmässigen Abständen wieder aufsuchen, und ihr Fortleben dokumentieren.

Wenn Menschen in einem Film real altern, ist das rührend und unheimlich zugleich, die Filmzeit verdichtet die Lebenszeit und das komprimierte Leben passt in die zwei drei Stunden Filmlänge der Golzow- oder Harry Potter Filme. Unheimlich ist auch, wenn die Zeit vergeht, die Personen sichtbar altern oder sterben, sich ihre Lage aber nicht oder nur in Nuancen ändert. Ein Leben, in dem nichts passiert. Davon erzählen die Protagonisten, vom Stillstand der Welt, der bleibenden Arbeitslosigkeit, der Probleme, manchmal vergehen Jahre, ehe das Filmteam wieder kommt, und immer heißt es zuerst, nein, nichts passiert. Und dann kommen die Veränderungen vorsichtig, als könnten sie die Statik der Landschaft beschädigen, die Veränderungen ins Spiel, auch die furchtbaren Schicksalsschläge und die Momente tiefer Befriedigung.

Das Leben vergeht, verflüchtigt sich, dahinter ersteht eine ganze Landschaft, die dieses Leben wie ein Gefäß aufbewahrt. Das Waldviertel in Österreich, oben an der Tschechischen Grenze gelegen, -ich spreche nach dem Film in einer Weise davon, als würde ich es tatsächlich persönlich kennen, – ist eine Landschaft ausserhalb der Zeit. Arbeit gibt es im Steinbruch und auf dem Amt, aber eigentlich gibt es zu wenig Arbeit. Alle, die Arbeit suchen, werden im Steinbruch landen. Detektivisch sucht man in den Bildern nach Anhaltspunkten für die Gegenwart. Der Film ist zwischen 2004 und 2014 entstanden, aber Produkte aus unserer Gegenwart sind nur mühsam auszumachen. Der unverständlich nuschelnde Prokurist, der nach seiner Entlassung erst mal seine 13000 Schlagermusiktitel in handschriftliche Listen umwandeln muss, sitzt ein Jahr später plötzlich vor einem Computer, der ebenfalls bereits ein Museumsstück ist und überträgt seine Liste in den Computer. Diesmal sind es schon 14000 Titel. Ein Jahr etwa wird er dafür brauchen, er hat was zu tun. Penibel genau wird er auch Holz hacken und aufschichten, Wurzeln im Wald ausgraben und in wohlgeordneten Ordnern eigene Gedichte sammeln. Am Ende ist man zu seinem Komplizen geworden, so gut funktioniert die filmische Täuschung, Mimikry des Lebens.

Laura Tonkes Gesicht, ihrer Unmittelbarkeit, auch ihrer Unberechenbarkeit, die sie hat vor der Kamera, kann und will ich nicht entkommen, der Filmfigur Hedi und der Geduld ihres Freundes allerdings schon. Eine Komödie über Depression und Angstzustände zu drehen, war die Aufgabe, dazu gehören dann die witzigen Kostüme, in die Hedi gesteckt wird, und eine Kling Klang Xylophon Filmmusik, die selbst vor Sexszenen nicht haltmacht. Sogenannte Montagesequenzen, in denen die Handlung über ein Musikstück schnell vorgespult wird, Menschen reden miteinander, aber man hört sie nicht, halte ich jetzt als filmisches Standardrepertoire für einen armseligen Witz. Das heisst nicht, dass Hedi nicht auch witzige Dialoge hat, aber der Film steckt fest in seiner Absicht, ernsthaft lustig über Angst zu reden, vom Glück ganz zu schweigen. Das alles und noch viel mehr würde ich gerne in Gebärdensprache loswerden, das Schweigen zum Klingen bringen.

Endlich angekommen im Verbotenen Raum, sprechende Bananenmoster, Höhlenbewohner, U-Bootbewohner, in den fluffigen Pfannekuchen ist Luft drin, damit kann man ein wenig länger überleben, wenn der Sauerstoff im U Boot knapp wird. Gemorphte Fetzen alter Filmrollen, dem Vergessen und dem Verbleichen, der Auflösung überantwortet, der wir hier zusehen, wir sind Teil der Maschine, die diese Bilder verschleudert, in alle Richtungen, ein in magischer Opulenz verschwenderisches Kino, Väter der Klamotte, die von Janusköpfen berichten, dem zweigesichtigen, zwiespältigen Gott, von den Skelettmädchen, die den Helden dazu bringen wollen, eine Versicherungspolice zu unterschreiben, die gepunktete Linie beschwört aber Erinnerungen in jenem hoch, die das fast nicht möglich machen. Der Mann mit den Steinen an seine Füße gekettet, der Mann, der nach oben schaut, der Mann, der im Schnee Geschichten hören kann, sie alle machen sich auf, die Filmgeschichte zu einer Fantasmagorie zusammenzukleben. Guy Maddin dreht noch mal am Rad, der Rausch hört gar nicht mehr auf, wird verschwendet, freigiebig in die Träume und Wunschvorstellungen der Kinopublikums. Wir sehen den Film im Cubix, umgeben von Menschen, die sich nackig mit Handschellen an ihre Heizungen zu Hause ketten wollen. Das Kino ist voll, und die Macht des Wahnsinns von Guy Maddin nimmt alle ein Stück weit mit in die Nacht vom Alexanderplatz, zwischen angestrahlte Autogaragen und Mahnmale für dort umgebrachte Jugendliche. Die Badewanne ist der Fluchtpunkt, Anfang und Ende. Wer sich badet, kann in Sphären entschweben, in die der Warmduscher nie hinkommt. Und die Digitaleffekte basteln den echten Filmlook samt Streifen, Korn und hüpfenden Klebestellen aus der Instant Welt von Instagramm.

Einmal wird wieder entschleunigt diskursiv rumgelungert. Der schönste Titel, DER GELDKOMPLEX, der so viel anschwingen lässt, ein Titel wie ein Versprechen aus der Werbung. Schauplatz Finca. Ein Lied, ein Lied, in die Kamera gesungen, zwischen den Sängern fährt der Bulldozer durch, eine Kapitalismuskritik. Die Deutsche spielt schön Klavier, aber das ist doch vierhändig, wie kann sie alleine vierhändig spielen? Waren Sie schon mal in Italien? Ja in Rom für zwei Stunden auf der Durchreise. Seht her, sie liebt Italien, sie kennt Italien, sie war da schon. Es wird gegraben und getrunken und dem Müssiggang gefrönt, die Kritik an den Zuständen dieser Gesellschaft äußert sich als Urlaub. Die Kostüme der Darsteller sind von den Grosseltern, was der ewigen Siesta – auch das lernt Eisenstein bei Greenaway- einen zeitlosen Anstrich gibt. Aber die fiebrige Hitze, in der Bunuels Figuren manchmal rumlungern, die fehlt hier.

Berlinale 2015.6

Brian Wilson hört Stimmen, seit 1963, im Studio dringen sie aus dem Kopfhörer, im Bett aus den Wänden, Bad Vibrations. Geräusche, Musik, Fetzen von Unterhaltungen branden im Raum, Brian Wilson surft auf ihnen in seinen psychotischen Zustand hinein. Seinem Vater und einem gewissenlosen Psychiater ausgeliefert, von einer Cadillac Verkäuferin gerettet, spielt sich dieser Film als Biografie dahin, die Soundcollagen sind wunderbar, Musique Concrete,  mehr als nur Hommage  an ein grosses, empfindliches, auch dunkles Genie der Popmusik.

Am Ende des Normandiefilms gibt es eine minutenlange Einstellung mit Abblende auf eine wiederkäuende Kuh, die auf einer Weide liegt. Dazu läuft eine wunderbare, elektronische Musik, eine vom Ensemble Recherche eingespielte Komposition mit live Elektronik, ich habe den Namen des Komponisten nicht erkannt im schnellen Abspann, eine Musik jedenfalls wie ferne Wellenbrandung, wie ein Echo über der Landschaft, das vom verschwundenen Leid kündet. Was mag sich alles auf dieser Weide zugetragen haben an Tod und Gewalt und Zerstörung. Das ist der Normandie von heute nicht mehr anzusehen. Die Kriegsgräberfriedhöfe sind eingezäunte Gebiete, Hinweistafeln und Gedenkskulpturen sind Ausdruck eines Bestrebens, die Invasion von 1944 im Gedächtnis der Leute zu behalten, Erinnerungskultur zu betreiben. Der Film CE GIGANTESQUE RETOURNEMENT DE LA TERRE, ist in drei Sätzen wie eine musikalische Komposition angelegt. Zuerst spricht der alte Augenzeuge seine Erinnerungen in die Kamera, von den Türen, die die Deutschen aus den Häusern ausgebaut hatten, um damit ihre Verteidigungsgräben zu überdachen, vom Bauern, der auf seinem Feld nach Jahren noch das Skelett eines deutschen Soldaten an eine Hecke gelehnt entdecken muss. So viel Tod in der Erde, die umgegraben wird. Im zweiten Satz zischelt die Tonspur eines 1945 gedrehten Films dramatisch unter banalen Landschaftsbildern, die die originalen Zerstörungsbilder als Palimpzest überlagern. Da sind etliche Gedenktafeln zu sehen und ich bin mir nicht sicher, ob die Einstellungen aus dem ursprünglichen Film so genau übernommen wurden. Im Dritten Satz sieht man dann einige Fotografien von damals, Zerstörung, Zerstörung, aber auch minutenlang Windräder und eben am Ende diese langsam ausgeblendete Kuh, deren weisses Fell kurz vor dem endgültigen Schwarz wie ein Geist in dieser Landschaft liegt.

 

Mit Tree Of Life hat Terrence Malick die Form des filmischen Gebets entwickelt, ein Filmgebet, dessen Adressat eine Art Naturgott ist und wir sind die Beichtväter, denen die Sünden und Geheimnisse anvertraut werden, denn wir hören die Stimmen, die in den Fragmenten nur in Bruchteilen ausgesprochenen Sätze, die Gedanken, die Off Stimmen. Der Bruch der Gefässe hat hier stattgefunden, das Leben ist zersplittert, bis zum Kitsch and beyond. Klassik Gassenhauer, bei Tree Of Life wars die Moldau, hier ist es die Peer Gynt Suite, und immer wieder Arvo Pärt, dieses Jahr in drei Filmen, die ich gesehen habe, verwendet, – Pärt, Ende 90er, Anfang der Nuller Jahre der Neue Musik Muss Nicht Wehtun Gott – die spirituelle Taufe in Swimming Pools, im Meer, die Pilgerreise in kalte, reiche Architekturen, Armin Müller Stahl als ZEN Mönch, die Kapitel folgen Tarot Karten Prophezeiungen. So viel Esoterik, so viel Film Film, hier scheitert die Nacherzählung, die Narration, die Sprache, hier finden Bildschnipsel, Musik, Text zu einer rein filmischen Erzählung zusammen, im jenseits der Sprache, so wie Tarkowski das immer gefordert hat. Das Leben, der Film als Gebet, als Anrufung, als Versuch, den grossen, ewigen Zusammenhang herzustellen durch Zerstückelung. Traurig, wahr, ergreifend. Wegen Terrence Malick denke ich, über Filme muss man reden wie über Gedichte, oder so schreiben.

Am Ende wächst die Berlinale Filmflut zu einem Muster aus Geschichte, Bildern und Tönen zusammen, flüsternd, wispernd im Schlaf, verfolgt noch von einzelnen Bildern und Geschichtssplittern. Die  Kino Splitter vom Bruch der Gefässe gilt es zu archivieren und sich einverleiben wie nützliche Bilder.

 

 

FREIE ZEITEN Janina Herhoffer, Forum

THE DAYS RUN AWAY LIKE WILD HORSES Marcin Malaszak, Forum

QUEEN OF THE DESERT Werner Herzog, Wettbewerb

NEFESIM KESILENE KADAR Emine Emil Balci, Forum

ZURICH Sacha Polak, Forum

SUENAN LOS ANDROIDEN Ion de Sosa, Forum

THE LOOK OF SILENCE Joshua Oppenheimer, Special

FLOTEL EUROPA Vladimir Tomic, Forum

COBAIN: MONTAGE OF HECK Brett Morgan, Panorama

COUNTING Jem Cohen, Forum

POD ELECTRICHESKIMI OBLAKAMI Alexey German Jr., Wettbewerb

EXOTICA EROTICA ETC Evangelista Kranioti, Forum

H. Ranja Attieh, Daniel Garcia, Forum

PETTING ZOO Micah Magee, Panorama

THAMANIAT WA USHRUN… Akram Zaatari, Forum

EISENSTEIN IN GUANAJUATO Peter Greenaway, Wettbewerb

ÜBER DIE JAHRE Nikolaus Geyrhalter, Forum

HEDI SCHNEIDER STECKT FEST Sonja Heiss, Forum

THE FORBIDDEN ROOM Guy Maddin, Forum

DER GELDKOMPLEX Juan Rodriganez, Forum

LOVE AND MERCY Bill Pohlad, Panorama

CE GIGANTESQUE RETOURNEMENT DE LA TERRE Claire Angelni, Forum

KNIGHT OF CUPS Terrence Malick, Wettbewerb